Soundanpassung wie bei Hörgerät

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MartinV
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Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von MartinV » 14.01.2020 16:59:05

Ich suche eine Programm, oder auch nur eine Konfigurationsmöglichkeit, wie ich die Soundausgabe des Computers so verändern kann, wie es ein Hörgerät tut.

Eine Hörgeräteanpassung läuft so ab, daß zunächst gemessen wird, welche Frequenzen/Tonhöhen wie gut gehört werden.
Frequenzbereiche, die nur schwach gehört werden, werden lauter wiedergegeben.
Frequenzbereiche, die ganz fehlen, meistens die hohen Töne, werden als tiefere Töne wiedergegeben.

Ich zum Beispiel kann Vogelgezwitscher nur mit Hörgeräten hören. Das Gezwitscher wird auf einer tieferen Frequenz lauter wiedergegeben.

Jetzt möchte ich z.B. ein Video mit Kopfhörer, aber ohne Hörgeräte angucken.
Ich suche nach einer Möglichkeit, daß der Computer die Töne für mich passend umrechnet und verändert wiedergibt.

Vielleicht gibt es ein Modul oder eine Konfigurationsmöglichkeit für pulseaudio. Meine Suche war bisher aber ergebnislos.

Habt Ihr dazu eine Idee?
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debianoli
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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von debianoli » 14.01.2020 17:29:36

Du kannst die Audio-Spur extrahieren und dann mit Debianaudacity bearbeiten. Danach setzt du das Video wieder zusammen. Kannst auch mal mit Debianflowblade testen, ob die Audio-Filter das evtl können.

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SirArthur
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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von SirArthur » 14.01.2020 17:58:52

Also trivial ist das nicht.
Du könntest mit QjackCTL und JackRack zwei getrennte Stereosummen von dem selben Signal machen, die Du dann zusammenmischst.

Die erste Summe mit einem Equalizer, der das Negativ zu Deiner Hörkurve darstellt, damit die Dinge, die Du noch hören kannst, angepasst wiedergegeben werden.

Die zweite Summe wäre für die Frequenzen, die Du gar nicht hörst,.....der komplizierte Teil.
Die müsstest Du mit Equalizern eingrenzen und dann mit einem Pitch Shifter nach unten rechnen. Wenn Du ab einem gewissen Punkt nach oben hin nichts mehr hörst, würde ein Equalizer reichen, um die Frequenzen, die Du noch hören kannst, nicht in den Pitch Shifter zu schicken. Sonst klingt alles nach Matsch.
Sprich wenn Du ab zB 5kilo nichts mehr hörst, dort einen Lowcut (oder Highpass, ist das selbe) setzen, dann mit dem Pitch Shifter x-Halbtöne nach unten rechnen, dann mit der ersten Summe zusammenmischen.

Das lässt sich mit JackRack "relativ" einfach realisieren.
Das Aufteilen und zusammenmischen der Kanäle würde im QJackCTL unter "Connections" passieren, die Equalizer und den Pitch Shifter musst Du im JackRack an die richtigen In/Outputs legen. (edit: stimmt so nicht ganz, man benötigt zwei Instanzen JackRack a' 2 Kanäle)
Die Settings kann man dann auch jeweils speichern... so wäre es möglich, den Effekt "live" auf Abruf zu haben.

Ich muss aber dazu sagen, daß open source Pitch Shifter nicht wirklich gut sind. Für gute Software in diese Richtung legt man meistens einiges an €€€. Ob Du damit an die Qualität vom Hörgerät rankommst, weiß ich nicht.

Ansonsten habe ich auf die Schnelle noch das hier gefunden:
https://github.com/HoerTech-gGmbH/openMHA
Scheint man auch mit Jack einbinden zu können, hab das aber nie ausprobiert und es sieht auch nicht unbedingt danach aus, daß das schnell mal läuft.
Zuletzt geändert von SirArthur am 14.01.2020 20:31:21, insgesamt 1-mal geändert.

miwie
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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von miwie » 14.01.2020 18:43:51

Meiner Meinung nach ist das sehr schwer umzusetzen.
Wenn es die HG können, dann wäre ein besserer Weg, die Audio-Ausgabe direkt in die HG via Bluetooth zu streamen.
Bei iPhones geht das direkt, bei Android-Handys wird dazu meist (noch) ein externes Device benötigt.
Ich mache das z.B. mit der Kombination: Oticon Opn2, ConnectClip und einem Xiaomi Mi A2.

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von MSfree » 14.01.2020 18:47:22

MartinV hat geschrieben: ↑ zum Beitrag ↑
14.01.2020 16:59:05
Frequenzbereiche, die nur schwach gehört werden, werden lauter wiedergegeben.
Einfach gesagt kann das jeder Equalizer. OK, ein Hörgerät arbeitet auf jeden Fall mit viel mehr kanälen als der typische Equalizer. Für Alsa kenne ich zumindest einen 16-Kanal Equalizer.
Frequenzbereiche, die ganz fehlen, meistens die hohen Töne, werden als tiefere Töne wiedergegeben.
Das ist der eigentliche Knackpunkt. Dazu muß die Frequenz verschoben werden. Die Frage hier ist, um wie viel, eventuell immer eine ganzzahlige Anzahl Oktaven. Das geht mit einem Equalizer gar nicht, da braucht man schon eine Software die sowas selektiv, also nur für die gewollten Frequenzbereiche, untersützt.

An die nötige Hörkurve wirst du wahrscheinlich als Betroffener noch einfach rankommen. Wo ich Probleme sehe, ist, Software zu finden, in der du definieren kannst, was mit welcher Frequenz passieren soll. Natürlich könnte man das Audiosignal mit zig Bandfiltern in die nötige Anzahl Frequenzkanäle zerlegen und in einzelne Audiodateien speichern. Diese einzelnen Dateien könnte man dann entsprechend verstärken bzw. verschieben. Am Ende könnte man die Einzeldateien durch Addition wieder zu einer Datei zusammenfügen. Das ließe sich soagr mit einem Skript und Debiansox realisieren.

Trotzdem, um welchen Betrag fehlenden Frequenzen verschoben werden sollen, ist unklar. Ich fürchte sogar, daß sich die Hörgerätehersteller hier hinter Patenten verbarrikadieren und sich nicht in die Karten blicken lassen wollen. Klar, man kann das alles selbst durch Trial-and-Error selbst reverse-engineeren.

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von SirArthur » 14.01.2020 19:45:49

MSfree hat geschrieben: ↑ zum Beitrag ↑
14.01.2020 18:47:22
Trotzdem, um welchen Betrag fehlenden Frequenzen verschoben werden sollen, ist unklar.
Ich bin kein Fachmann für Hörgeräte, aber ich würde mal behaupten, so wenig wie möglich, aber so viel wie sein muss?
Würde doch keinen Sinn machen, Zischlaute sonstwohin zu verbiegen.
Das könnte man mit Jack schon realisieren, ist nur die Frage, ob man das hinkriegt, wenn man sich mit Dingen wie Filtern, Kompression usw nicht gut auskennt. Die werden ja auch nicht von irgendjemandem justiert.
Und es bleibt natürlich noch die Frage, ob die Qualität der Plugins da überhaupt reicht. Gehen würde es sicher, aber wie es klingt, ist eine andere Sache.

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von MartinV » 14.01.2020 19:53:38

Vielen Dank für die bisherigen Anregungen! :THX:

Als ersten Anlauf versuche ich mal SirArthurs Tip mit https://github.com/HoerTech-gGmbH/openMHA
Die Installation ist gerade durchgelaufen, jetzt probiere ich Schritt für Schritt die Anleitung durch.

Ich habe fast null Ahnung von Audio, weder computertechnisch noch physikalisch, das macht es nicht einfacher.
Ideal wäre es, ich gebe irgendwo die Hörkurve ein, und der passende Sound kommt aus dem Lautsprecher. Aber ganz so einfach wird es wohl erstmal nicht ... :D
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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von Heliosstyx » 14.01.2020 20:56:28

Wenn Du selbst der Hörgerät Benutzer bist, gehst Du am besten zu Deinem Hörgeräte-Techniker, der kann Dir genau sagen welche Frequenzen wie eingestellt wurden und kann Dir eventuell ein digitales Profil der verwendeten Frequenzen und die notwendigen Daten für die verwendeten Mikrofone und Rauschunterdrückungsverfahren geben. Das Ganze ist nicht trivial und erfordert eine jahrelange und zertifizierte Ausbildung, da es Frequenzen gibt, die das Gehör weiter schädigen und somit gesundheitsschädlich sein können. Wenn Du Dir nicht sicher bist, lass die Finger davon und verwende lieber Dein Hörgerät und lass den Kopfhörer weg. :mrgreen:

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von MSfree » 14.01.2020 22:08:48

SirArthur hat geschrieben: ↑ zum Beitrag ↑
14.01.2020 19:45:49
MSfree hat geschrieben: ↑ zum Beitrag ↑
14.01.2020 18:47:22
Trotzdem, um welchen Betrag fehlenden Frequenzen verschoben werden sollen, ist unklar.
Ich bin kein Fachmann für Hörgeräte, aber ich würde mal behaupten, so wenig wie möglich, aber so viel wie sein muss?
Dann würde ich aber keine derart "angepaßte" Musik mehr hören wollen. :mrgreen:
Zumindest nicht, wenn es nicht nach der Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt klingen soll.

Wenn das zu hörende noch halbwegs harmonisch und dissonanzlos klingen soll, würde ich mal behaupten, daß da eigentlich nur volle Oktavenschritte (bzw. Frequenzhalbierung, -verdoppelung) sinnvoll sind. Aber ich bin auch kein Akustiker.

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von SirArthur » 14.01.2020 22:57:53

Bei der Technik gehts, was ich so reingelesen habe, hauptsächlich um Sprachverständlichkeit und weniger um Musik. Da würde ich die Zischlaute schon eher im oberen hörbaren Bereich belassen, damit die noch halbwegs ähnlich klingen. Aber ja, man könnte die natürlich schon von zwischen 3 und 6 kilo runter auf 1.5 bis 3 pitchen.
Noch nie probiert, allerdings ist ein Pitch shift über eine Oktave für musikalisches Material halt auch trotzdem schräg, wenn auch vielleicht nicht so wie bei Deinem Link ;-)
Dürfte ziemlich ausgefuchst sein, die Software. Man kann ja auch Sprache erkennen und ggf. anders filtern. Ein Kollege hat sich darauf spezialisiert, allerdings leider kein Kontakt mehr, sonst hätt ich eh schon nachgefragt.

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von SirArthur » 14.01.2020 23:08:45

“The AE picks the frequency within the ‘source octave’ region with the highest intensity (for example, peak frequency), and locks it for transposition. As the peak frequency changes, the transposed frequency also changes.”

For example, let’s say the peak intensity is 4,000 Hz. This frequency and the sounds surrounding it will be transposed linearly by one octave to 2,000 Hz. In addition, every frequency will be shifted down by 2,000 Hz. For example, 3,000 Hz will now be at 1,000 Hz and 4,500 Hz will be at 2,500 Hz.

“In this way,” says Francis Kuk, “the transposed signal is likely to be placed in a region where the hearing is aidable. To limit the masking effect from the transposed signal and any potential artefacts, frequencies that are outside the one octave bandwidth of 2,000 Hz will be filtered out.”
https://www.widex.pro/en/evidence-techn ... -frequency

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von MartinV » 14.01.2020 23:19:29

Ich versuche mich gerade an openMHA weil es augenscheinlich genau das können soll, was ich will. Derzeit scheitere ich aber schon an den Grundlagen wie der Konfiguration von Jack.
Der Jack Server läuft, und ich habe theoretisch eine Brücke von pulseaudio zu Jack gebaut mit https://github.com/brummer10/pajackconnect .

In Qjackctl habe ich alle Ein- und Ausgänge aktiviert und verbunden.
Ich höre jedoch keinen Ton bei speaker-test, und SMPlayer spielt Videos nicht ab.

Und in der Einführung für Anfänger ( http://www.openmha.org/docs/openMHA_starting_guide.pdf ) scheitere ich in Kapitel 3.2, Punkt 8, beim Kommando
?read:gain_live_getting_started.cfg
, das bei mir eine Fehlermeldung ausspuckt.

Entschuldigt bitte diesen konfusen Post, ich bin selbst noch konfus.
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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von SirArthur » 14.01.2020 23:38:08

Keine Ahnung, ob das jetzt bei Buster anders ist, aber lass Pulse erstmal weg und probier erstmal, daß Du Jack alleine zum Laufen bringst. Mit beiden gemeinsam gabs zumindest früher manchmal bei gewissen Systemen Probleme.

edit: um Pulse zu stoppen muss "autospawn = no" in /etc/pulse/client.conf stehen, sonst startet es sich wieder von selbst.

PS openmha und das ganze Matlab Gedöns sieht wirklich übel aus... 8O

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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von MartinV » 15.01.2020 00:10:44

SirArthur hat geschrieben: ↑ zum Beitrag ↑
14.01.2020 23:38:08
edit: um Pulse zu stoppen muss "autospawn = no" in /etc/pulse/client.conf stehen, sonst startet es sich wieder von selbst.
Jetzt habe ich es schon komplett deinstalliert ...

Ich habe es hinbekommen, daß der VLC Player sich mit Jack verbindet. Im Graphen von qjackctl wird auch eine Verbindung von VLC zu system/playback_1 und playback_2 angezeigt. Nur kein Ton ...

Ich denke, daß ich die richtige Soundkarte eingestellt habe. Ganz ohne Jack, nur mit ALSA, bekomme ich Ton.
SirArthur hat geschrieben: ↑ zum Beitrag ↑
14.01.2020 23:38:08
PS openmha und das ganze Matlab Gedöns sieht wirklich übel aus... 8O
:) Danke, daß Du da mit draufguckst ...
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Re: Soundanpassung wie bei Hörgerät

Beitrag von wanne » 15.01.2020 08:53:09

Im Grunde suchst du einen Equalizer. Frequenzen wirklich verschieben können mplayer oder ffplay über custom filter. (Das geht dann aber natürlich nur für da wiedergegebenes Material.) Eventuell hilft es trotzdem weiter.
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